Sieben didaktische Instrumente zur Studierendenaktivierung

In den Jahren 2012 und 2013 wurden fünf didaktische Instrumente entwickelt, die seinerzeit besonders Großveranstaltung in den unteren Semestern adressierten. Dort war zunächst eine ausgeprägte Konsumentenhaltung der Studierenden zu beobachten, die nicht nur zur Unruhe währende der Veranstaltung, sondern auch zu einem Prüfungsergebnis, das unter dem Potenzial der Studierenden liegt, führte. Mit den fünf didaktischen Instrumente war es gelungen, Studierende aus ihrer passiven Rolle herauszuholen. Mit Blick auf nicht nur eine Aktivierung im Studierverhalten allgemein, sondern speziell auch mit Blick auf eine größere Selbstständigkeit – die in Einzelfällen zu einer Existenzgründung bereits während des Studiums führen kann – wurde das Portfolio auf sieben didaktische Instrumente erweitert und seit November 2015 eingesetzt:

  1. Rätselblätter in der Vorlesung
  2. Spickzettel in der Klausur
  3. Online Vorlesung und Online Arbeitsblatt
  4. Online Repetitorium
  5. Semestergruppenarbeit
  6. Semesterprojekte
  7. Poster – alles auf eine Karte

Einige der etablierten fünf Instrumente, die 2013 mit dem Lehrpreis für Leistungen in Großveranstaltungen eine Auszeichnung erhielten,  wurden um Aspekte der Entrepreneurship Education erweitert. Insgesamt stellt das Portfolio nun die Basis für eine Innovation an der Hochschule Niederrhein bereit – Vermittlung von Kompetenzen zum unternehmerischen Handeln nicht als separate Lehrveranstaltung, sondern aufeinander aufbauend und begleitend in mehreren Lehrveranstaltungen.

Aktualisiert 15.04.2021

Instrument 1: Kurze Kleingruppenübungen („Rätselblätter“) innerhalb der Vorlesung

Innerhalb einer Vorlesungssequenz fordern Arbeitsblätter explizit zur Kleingruppenarbeit auf (mit einem oder zwei Hörsaalnachbarn), es wird angeregt, dass man sich über den Lösungsweg austauscht und nicht alleine arbeite. Die Aufgabenstellung bezieht sich auf den soeben dargestellten Stoff meist in Form einer äußerst einfachen Aufgabe. Bei vielen Aufgaben wird angeregt, sich zu überlegen, wie eine interne Stelle im Unternehmen oder ein externer Dientsleister das Problem angehen würde. Für die Bearbeitung stehen fünf bis sieben Minuten zur Verfügung. Sofort im Anschluss wird die Musterlösung der Aufgabe im Plenum diskutiert.

Diese Aktivierungsform wurde erprobt in den Modulen BBW203 Wirtschaftsstatistik, BBW205 Wirtschaftsinformatik Anwendungssysteme, BWI201 qualitative Methoden der Wirtschaftsinformatik und BBS203 Wirtschaftsinformatik Grundlagen.

Die didaktische Intention ist, dass die Studierenden aktiv am Lehr-Lerngeschehen teilnehmen, das gemeinsame Erarbeiten von Wissensinhalten als positiv kennen lernen und auch in den als schwierig empfundenen Fächern von Anfang an Erfolgserlebnisse haben.

Die „Rätselblätter“ wurden von Studierenden in der Evaluierung positiv bewertet.

Update 2021: Mit auschließlich Online-Lehre während der Corona Krise steht nun mit den zoom-breakout-sessions ein gutes digitales Mittel zur Verfügung, auch in Großveranstaltungen Gruppenarbeiten in Vorlesungen einzupflechten. Nach zwei Semestern ist mein subjektiver Eindruck, dass das besser funktioniert als analog im Hörsaal.

Instrument 2: Der Spickzettel in der Klausur.

Von Beginn an werden den Studierenden die Rahmenbedingungen für die Klausur verdeutlicht, dazu gehört, dass die Studierenden in der Klausur einen handschriftlichen DIN-A-5 Spickzettel verwenden dürfen. Ebenso werden Tipps für die Erstellung des Spickzettels gegeben: frühzeitige handschriftliche Materialsammlung, schrittweise Verdichtung auf zunächst drei Mal DIN A 4 und zuletzt auf DIN A 5. Eine Integration von Entrepreneurship Education in dieses Instrument steht noch aus und sollte mit Hilfe der Kooperation mit dem Deutschen Institut für Erwachsenbildung (DIE) angegangen werden.

Das Instrument wurde erprobt in den Modulen BBW203 Wirtschaftsstatistik, BBW205 Wirtschaftsinformatik Anwendungssysteme, BWI201 qualitative Methoden der Wirtschaftsinformatik und BBS203 Wirtschaftsinformatik Grundlagen.

Die didaktische Intention ist im Wesentlichen die Erhöhung der “Time on Task“, also der Vergrößerung der für die konzentrierten Beschäftigung mit dem Vorlesungsinhalt verbrachten Zeit. Gewünscht ist, dass die Studierenden zum einen durch die Beschäftigung den Inhalt ihres Spickzettels auswendig wissen, zum anderen in der Klausur ein zusätzliches „Beruhigungsmittel“ dabei haben. Im Nachgang zu den Veranstaltungen wurde der Spickzettel durch eine eigne Online-Befragung mit hoher Rücklaufquote evaluiert – der Mechanismus wird von den Studierenden sehr positiv aufgenommen.

Dem Spickzettel in der Klausur ist ein eigener Beitrag gewidmet.

Hier ist ein Video, das eine pfiffige Studentin mit ihrem Klapp-Spickzettel zeigt.

Instrument 3: Online Vorlesung und Online Arbeitsblatt

Im Sinne des Blended Learning wurde ein Vorlesungstermin (vierstündig) durch einen Online-Kurs ersetzt. Der Online-Kurs besteht aus den online bereit gestellten, speziell dafür aufbereiteten Vortragsfolien und Videos, in denen mit diesen Folien gearbeitet wird. Dazu begleitend gib es ein umfangreicheres Aufgabenblatt und ein Online-Antwortblatt, in das die Studierenden ihre Bearbeitungsergebnisse eintragen können. Im Vorlesungstermin nach dem Online-Termin wird lediglich der Lernerfolg in einem kurzen Plenumsgespräch verifiziert.

Diese Aktivierungsform wurde erprobt zunächst im Modul BBW203 Statistik, soll aber aufgrund des Erfolgs auf andere Module ausgeweitet werden. Bislang wird das Instrument mit Blick auf Entrepreneurship Education lediglich in Form von Befragungen verwendet.

Die didaktische Intention ist zunächst die Bereitstellung von alternativen Medien, um auch eine Massenvorlesung abwechslungsreicher zu gestalten. Zum Zweiten haben insbesondere schwächere Studierende so Gelegenheit, den Stoff mehrfach durchzuarbeiten und quasi die Vorlesungssequenz zu vervielfachen. Durch die Bearbeitung des Online-Arbeitsblattes ist eine aktive Auseinandersetzung mit einem begrenzten Lernstoff erforderlich.

Update 2021: Mit auschließlich Online-Lehre während der Corona Krise ist diese damalige Innovation für viele nun state of the art.

Instrument 4: Online- Repetitorium („Modul-Führerschein“)

Wirtschaftsinformatik für Betriebswirte bedeutet in den Anfangssemestern eine Aneignung einer sehr großen Menge von Faktenwissen. Um hier eine Übungsmöglichkeit zu schaffen, die die Studierenden ubiquitär nutzen können, gibt es ein Online-Repetitorium. Das Online-Repetitorium besteht aus je nach Modul 100 bis 160 Fragen und vorbereiteten Antworten, die im Laufe des Semesters in ansteigender Anzahl über das Internet bearbeitet werden können. Die Studierenden erhalten die Frage und mehrere Antworten, aus denen Sie die richtige auswählen können. Sie erhalten sofort Rückmeldung darüber, ob die Antwort richtig war.

Das Instrument wurde erprobt in den Modulen BBW205 Wirtschaftsinformatik Anwendungssysteme, BWI201 qualitative Methoden der Wirtschaftsinformatik und BBS203 Wirtschaftsinformatik Grundlagen.

Die didaktische Intention ist, dass grundlegende Begrifflichkeiten und Zusammenhänge der Wirtschaftsinformatik auswendig gewusst werden. Dieses Faktenwissen (Kompetenzstufe Reproduktion) ist erforderlich, damit die Studierenden  höhere Kompetenzstufen (Anwenden, Transfer) erreichen können.

Das Instrument wurde zwischenzeitlich von Kollegen übernommen und mit Erfolg eingesetzt.
Gerade dieses Instrument eignet sich hervorragend, begleitend Entrepreneurship Education in bestehende Lehrveranstaltungen zu integrieren und auch in anderen Fachbereichen und fachlichen Kontexten einzusetzen.

Update 2021: Das niederschwellige und einfache Instrument hat während der Corona Krise seine Stärken noch einmal ausgespielt. Das Instrument wurde um eine Testmöglichkeit mit einem Subset der Fragen erweitert und erleichtert nun auch die online-Prüfung.

Instrument 5: Semestergruppenarbeit für berufsbegleitend Studierende

Für berufsbegleitend Studierende, die eher auf ein eigenständiges Literaturstudium angewiesen sind und eine geringere Kontaktzeit zum Dozenten haben, wurden im Wintersemester 13/14 erstmalig vorlesungsbegleitende Semestergruppenarbeiten eingeführt. Die Studierenden bearbeiten in Teams/Gruppen von drei Personen außerhalb der Vorlesung ein Thema, dass sie aus einem Katalog auswählen.

Die didaktische Intention ist, dass die berufsbegleitend Studierenden neben der Vorlesung zumindest für ein eng umrissenes Thema selbstständig und aktiv Stoff erarbeiten.

Das Instrument wurde gut angenommen und in 2015 zum ersten Mal explizit um Themen um unternehmerisches Handeln innerhalb des Unternehmens (Intrapreneurship) angereichert. Das Instrument lässt sich sofort auf andere Fachbereiche übertragen.

Update 2021: Während der Corona-Krise wurde das Instrument nun flächendeckend für alle meine Studierenden eingesetzt und ersetzt auch eine Teil der Klausur. Das Instrument „Spickzettel“ wird damit allerdings kannibalisiert.

Instrument 6: Semesterprojekte

Studierende in höheren Semestern haben ein breites Wissen, können aber nicht unbedingt die einzelnen Wissensbausteine aufeinander beziehen und im gemeinsamen Kontext einsetzen. Um dies zu trainieren, wurden in zunächst einer, nun in zwei Veranstaltungen Semesterprojekte angeboten. Der Dozent nimmt im wesentlichen zum Einen die Rolle des Auftraggebers und zum Anderen die Rolle des Coachs ein. Die Studierenden finden sich eigenständig zu Projektteams zusammen und übernehmen aus einem Katalog ein Projekt und bearbeiten das Projekt selbstständig. Dabei erproben Sie die im Studium gelernten methodischen Ansätze und sehen, nach Aussagen der Studierenden zum ersten Mal im Studium, den Zusammenhang zwischen den gelernten Methoden:

  • Zielabstimmung mit dem Kunden,
  • Anforderungsanalyse,
  • Projektplanung und Durchführung mit Statusmeetings,
  • Anwendung von Vorgehensmodellen,
  • Systemmodellierung, Realisierung und Implementierung,
  • Dokumentation,
  • Reflektion und Risikomanagement und
  • Präsentation der Ergebnisse vor dem Auftraggeber

Aus den Projekten sind zwischenzeitlich viele vorzeigbare Demonstratoren hervorgegangen (Internetgestützte Mess- und Steuermöglichkeiten am Forschungskühlschrank für Gärprozesse und Energiekostenbetrachtungen, Location Selfie für den Einsatz in der Touristik, Herzratenvariabilitätsmessung für den Einsatz im Betrieblichen Gesundheitsmanagement, Geosysteme für Outdoorsportler, RFID gestützte Zugangskontrollen, Klimasensoren für Bienenstöcke, KI-gestützte Bildauswertung und Edge-Computing etc.)

Um die positiven Effekte der Projektarbeit  weiter zu stärken, wurde in den vergangenen zwei Jahren das Konzept einer Initiative (Raspberry Pi Task-Force)  entwickelt, das über die Projekte und einem noch aufzubauendem Pi-Labor

  • technikaffine Studierende zu Technikprojekten ermuntern,
  • Kontakte zwischen Studierenden und unterstützenden Firmen herstellen und
  • Anreize zur Existenzgründung

geben soll.

 

Aus den Projekten ergaben sich insbesondere Ideen für Start Ups, die einige der Studierenden zur Zeit aktiv weiterverfolgen.

Update 2021: Einige der Projekte haben die Basis geliefert, um in einem Förderprogramm des Bandwirtschaftsministeriums ein Projekt „Biene40“ (gestartet 01.03.2021) mit einem Fördervolumen von 355 Tausend Euro akquirieren zu können. Aus dem mobilen PI-Labor hat mein Kollege mittlerweile das DigiLab weiterentwickelt. Aus der Raspberry Pi Task-Force entwickelte sich ein Kanon aus Lehrer- und Schülerworkshops, die mehrfach im Jahr durchgeführt werden.

Instument 7: Poster – alles auf eine Karte

Zu Projektarbeiten, aber auch bei Abschlussprüfungen müssen die Studierenden zu Ihrer Arbeit ein Poster DIN A 3 anfertigen. Das Poster muss für sich allein die Kernpunkte der jeweiligen Arbeit offenlegen[1]. Grundsätzlich ist das Poster eine Weiterentwicklung des Spickzettels in der Klausur, allerdings kann das Poster nun zusätzlich auch Außenwirkung entfalten. Die Studierenden können die Poster auch gut in Bewerbungsverfahren einsetzen.

Mit diesem Instrument werden die Studierenden dazu gebracht, knapp die Essenz herauszuarbeiten. In Prüfungssituationen (Kolloquium), aber auch in Präsentationen und Diskussionen mit Auftraggebern bei Projekten hat dieses Instrument schon seine positiven Wirkungen entfaltet.

Das Poster eignet sich für Start Ups, die eigene Geschäftsidee[2] für Investoren oder die Produkte und Dienstleistungen für Kunden darzustellen und ist somit ein Innovatives Instrument für Entrepreneurship Education.

Eine Auswahl an Postern ist hier online abrufbar: http://claus-brell.de/poster.php

Einige Poster wurden vom ehemaligen Krefelder Oberbürgermeister auf dem Fischeln Open begutachtet. Link zum Video des Hochschulstandes Fischeln Open: https://www.youtube.com/watch?v=lwFpWXDHAcY

Update 2021:  Die Poster werden mittlerweile auch regelmäßig in Kolloquien zur Abschlussarbeit eingesetzt.

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