Spickzettel in der Klausur – Einsatz als Lehr- Lerninstrument.

Im Sommersemester 2012 und im Wintersemester 2012 / 2013 wurde das Lehr- Lerninstrument „Spickzettel“ in Modulen der Wirtschaftsinformatik (Hochschule Niederrhein) zum ersten Mal zur Intensivierung der Prüfungsvorbereitung eingesetzt. Das Instrument kam bei den Studierenden gut an, erhöhte in einer zunächst qualitativ subjektiven Beobachtung die Lernleistung und minderte die gefühlte Prüfungsbelastung für die Studierenden. Das Ziel – Erhöhung der aktiv mit dem Lernstoff verbrachte Zeit (Time on Task) – scheint nach ersten Auswertungen erreicht. Die Meinungen der Studierenden zu diesem Instrument, erhoben in einer Online-Befragung, ermutigt zu einem weitergehenden Einsatz des didaktischen Instrumentes „Spickzettel“.

Überarbeitet 15.04.2021

Ausgangslage

Spickzettel werden schon immer – mal mit und mal ohne Erfolg und meistens verbotenerweise – von Lernenden in Leistungsüberprüfungen wie z.B. Klausuren eingesetzt. Erst bei erfahrenen Lernern setzt sich später die Erkenntnis durch, dass nicht der Spickzettel an sich, sondern die Vorbereitungszeit und das mühsame Anfertigen des Spickzettels und die damit verbundene hohe Time on Task dazu führen, dass bessere Prüfungsleistungen erbracht werden können. Die „echte Lernzeit“ (Time on Task) ist die von Studierenden tatsächlich aktiv aufgewendete Zeit zur Erreichung der angestrebten Lernziele, insbesondere hinsichtlich der inhaltlichen Befassung mit dem Lernstoff.

Gerade jüngeren Lernenden fehlt diese Erkenntnis noch und es herrscht die Meinung vor, dass der physische Besitz der Stoffsammlung auf dem Spickzettel in der Prüfungssituation die eigentliche Hilfe darstellt. Dies lässt sich unter anderem aus Aussagen von Studierenden schließen. In Anbetracht einer großen Stoffmenge ist das jedoch eine trügerische Annahme.

Der physische Besitz eines Spickzettels in der Prüfungssituation stellt allerdings ein probates „Beruhigungsmittel“ dar, was insbesondere Lernenden mit Prüfungsangst eine gute Unterstützung bieten kann.

Qualitative Voruntersuchung 2012

Die positive Wirkung des Spickzettelanfertigens, beispielsweise die mit der Anfertigung verbundene Erhöhung der Time on Task, lässt sich bei Anfangssemestern gut beobachten. Lehrende können das Anfertigen lassen des Spickzettels als taktisch-didaktisches Element leicht und ohne aufwändige Vorbereitung einsetzen. Es eignet sich besonders für Massenvorlesungen. Im Sommersemester 2012 wurde hierzu ein Vorversuch mit 182 Personen (Studierende der Betriebswirtschaft, Teilnehmer des Moduls „Wirtschaftsinformatik Anwendungssysteme) durchgeführt.

Durchführung

Die Teilnehmer erhielten in den ersten Wochen der Vorlesung deutliche Hinweise darauf, was in der Klausur an Hilfsmitteln erlaubt sein würde und was nicht: Zugelassen waren grundsätzlich keine Hilfsmittel (kein Script, keine Bücher, keine Smartphones, keine Notebooks etc.) mit Ausnahme eines handschriftlich beidseitig beschriebenen Spickzettels im Format DIN A 5.

Die Studierenden wurden explizit auf die didaktische Intention des erlaubten Spickzettels hingewiesen, nämlich dass bei dem großen Stoffumfang Zeit dahingehend aufgebracht werden muss, den Stoff in mehreren Schritten zusammenzuschreiben und zu verdichten und dass diese Zeitinvestition den Prüfungserfolg sicherstellen soll. Empfohlen wurde, zunächst eine Zusammenfassung des Stoffes auf zehn DIN A 4 Seiten zu fertigen, diese dann auf drei DIN A 4 Seiten zu komprimieren und daraus einen Auszug nochmals gekürzt auf zwei DIN A 5 Seiten zu schreiben.

Insgesamt wurden die Studierenden dreimal im Semester – gleich am Anfang, zur Hälfte der Vorlesungszeit und zwei Wochen vor der Klausur – auf diesen Prozess der Spickzettelerstellung hingewiesen.

Reaktion der Studierenden

Die Rückfragen der Studierenden zeigten, dass sie vor der Klausur am Erfolg des intendierten Verfahrens zweifelten. Fragen waren:

  • „Dürfen wir nicht doch auf DIN A 4 zusammenschreiben?“ (Antwort: Nein, es ist wesentlich, dass Sie den Stoff massiv komprimieren und Entscheidungen treffen, was Sie auf dem Spickzettel stehen haben müssen und was Sie schon ohne Spickzettel können.)
  • „Dürfen wir den Spickzettel dann tatsächlich in der Klausur benutzen?“ (Antwort: Sie dürfen den Spickzettel nutzen. Wichtig ist, dass Sie ihn selber angefertigt haben, dann werden Sie vermutlich auch alles wissen, was auf Ihrem Spickzettel steht. Im Weiteren brauchen Sie sich in und vor der Klausur nicht aufregen oder ängstigen – Sie haben ja zur Not Ihren Spickzettel dabei.)
  • „Können wir den Spickzettel auch mit dem Computer schreiben?“ (Antwort: Nein, es ist wesentlich, dass Sie den Spickzettel mit der Hand schreiben. Das manuelle Tun wird Ihnen helfen, sich daran zu erinnern, was Sie zu dem Zeitpunkt des Aufschreibens gerade gelernt hatten.)
  • „Können wir auch Kopien von handschriftlichen Spickzetteln der Kommilitonen nutzen?“ (Antwort: Nein, es ist entscheidend, dass Sie den Spickzettel selber schreiben. Nur dann haben Sie sich ausreichend intensiv und lange genug außerhalb der Vorlesung mit dem Stoff beschäftigt.)

Vor den Vorlesungen konnte beobachtet werden, dass sich Studierende über ihre Entwürfe der Spickzettel unterhielten. Somit wurde durch die Spickzettel nicht nur eine intensivere Beschäftigung mit dem Stoff, sondern auch ein Austausch unter den Studierenden über den Stoff angeregt.

In der Klausur hatten die Studierenden ihre Spickzettel bereit, sie schauten jedoch eher selten und nur kurz auf ihre Zettel. Bei Abgabe der Klausur wurde in Einzelgesprächen von den Studierenden bestätigt, dass sie den Spickzettel nach der intensiven Vorbereitung „nun eigentlich nicht mehr gebraucht“ hätten und dass ihnen die Erstellung des Spickzettels in der Prüfungsvorbereitung geholfen habe.

Quantitative Untersuchung 2013

Im Wintersemester 2112 / 2013 wurde in zwei Modulen, BBS203 Wirtschaftsinformatik Grundlagen (mit HTML-Praktikum) für berufsbegleitend Studierende und BBW205 Wirtschaftsinformatik Anwendungssysteme (mit Projektmanagementpraktikum) für Vollzeitstudierende, der Spickzettel als didaktisches Element eingesetzt. Nach der Klausur wurden die Studierenden gebeten, in einer Online-Befragung ihre Meinung zum Spickzettel kund zu tun. Der Internetfragebogen enthielt folgende Items:

Item 1 Die Spickzettelaktion fand ich gut.
Item 2 Die Klausur fand ich schwer.
Item 3 Das Erstellen des Spickzettels hat mir beim Lernen geholfen.
Item 4 Das Erstellen des Spickzettels hat viel Zeit gekostet.
Item 5 Den Spickzettel habe ich in der Klausur häufig gebraucht.
Item 6 Ich wusste das meiste auf meinem Spickzettel auswendig.
Item 7 Sie können, wenn Sie wollen, eine Anmerkung, Tipp oder Kritik zum Spickzettel geben:

Tab. 1: Items der Online-Befragung

Items 1 bis 6 konnten durch Auswahl auf einer neunstufigen Likert-Skala bewertet werden: „Bitte bewerten Sie auf einer Skala von 1 (ja, vollständige Zustimmung) bis 9 (nein, keine Zustimmung), wie gut die folgenden Aussagen für Sie persönlich zutreffen.“

Item 7 enthielt ein Freitextfeld.

Screenshot Online-Fragebogen

Abb. 2: Screenshot der Online-Befragung. Die Existenz und die Vorbelegung des mittleren Wertes war beabsichtigt, um Befürchtungen der Studenten vor unerwünschten Antworten zu senken. Die große Spannbreite der Antwortmöglichkeiten ist – im Nachgang betrachtet – methodisch ungünstig, es sollte ursprünglich auch die „Spreizung“ / Tendenz zu Extremwerten in Abhängigkeit in Bezug zur Note ausgewertet werden.

Die Online-Befragung ergab folgende Metainformationen:

Studierende des Moduls… BBS203 BBW205
Anzahl Klausurteilnehmer (Grundgesamtheit) 80 96
Anzahl Beantwortungen (Stichprobe) 35 45
entspricht Rücklaufquote 44 % 47 %
Anzahl Beantwortungen innerhalb von zwei Tagen nach der Klausur 24
Anzahl Beantwortungen mit verbalen Äußerungen in Item 7 7 18
Durchschnittsnote der Klausur gesamt. 2,28 2,86
Standardabweichung 0,81 1,07
Durchschnittsnote der Teilnehmer, die an der Online-Befragung teilgenommen haben. Nicht erhoben 2,48
Standardabweichung Nicht erhoben 1,04
Durchschnittsnote der Teilnehmer mit verbaler Äußerung in Item 7 Nicht erhoben 2,92
Standardabweichung Nicht erhoben 1,17

Tab. 2: Metainformationen der Online-Befragung

Zu beobachten ist eine erfreulich hohe Rücklaufquote von über 40 % in beiden Erhebungen. Die Mehrheit der Studierenden, die an der Befragung teilnahmen, beantwortete den Fragebogen innerhalb von zwei Tagen nach der jeweiligen Klausur.

Auswertung der Beantwortung der Internetbefragung

Studierende des Moduls… BBS203 BBW205
Mittelw. Stand.abw. Mittelw. Stand.abw.
Item 1 1,22 0,56
Item 2 5,36 1,61
Item 3 2,16 1,51
Item 4 2,84 2,02
Item 5 4,40 2,13
Item 6 3.93 2,23

Tab. 3:  Auswertung für ein Modul. Die Daten für das Modul BBS203 sind lückenhaft, so dass hier keine Werte eingetragen sind.

Die Noten sind nicht normalverteilt und weiterhin nicht metrisch skaliert, so dass mit nichtparametrischen Methoden ausgewertet werden müsste. Da für viele Lehrende allerdings ein intuitives Verständnis für „Notenschnitt“ unterstellt wird, wird hier das arithmetische Mittel der Notenwerte angegeben.

Auswahl der verbalen Äußerungen von Studierenden zu Item 7:

  • erspart schwierige Sachen auswendig zu lernen.
  • gibt uns ein bisschen mehr Sicherheit und … mehr Ehrgeiz auf die Vorbereitung.
  • Ich fand die Spickzettelaktion sehr gut, auch wenn ich ihn nicht oft benutzt habe, so hat man sich zumindest sehr sicher gefühlt.
  • Ich verstehe den Spickzettel als eine weitere Lernmethode, denn das meiste hat dadurch zur Klausur im Kopf.
  • …ich finde die Aktion „Spickzettel“ gut, weil bei der Anfertigung doch wirklich etwas hängen bleibt! Ich war überrascht…
  • Durch das Schreiben des Spickzettels lernt man den Inhalt schon automatisch und braucht ihn dann in der Klausur nicht wirklich.
  • Durch den Spickzettel war man auch nicht so nervös vor der Prüfung was einem geholfen hat sich besser zu konzentrieren.
  • Ich fand die Spickzettelaktion klasse, ich habe dabei fast alles gelernt.
  • … habe ich mich dadurch sicherer gefühlt und gemerkt, so viel muss ich eigentlich nicht mehr notieren, da ich das meiste gelernt hatte.
  • Der Spickzettel hilft definitiv beim Bestehen der Klausur, führt aber bei einigen Studenten dazu, dass diese sich in der Klausur-Vorbreitung nicht mit dem Inhalt der Vorlesung, sondern ausschließlich mit Techniken zum extremen Kleinschreiben beschäftigen.
  • Es dient eher als eine Erinnerungsabruffunktion.
  • Der Spickzettel hat mir sehr viel Sicherheit gegeben. Gerade für die Formeln in Projekt Management.
  • Super Idee 🙂 Es hilft wirklich beim Lernen und rundet eine intensive Vorbereitung ab.
  • Ich finde den Spickzettel sehr gut, da er ein Gefühl von Sicherheit gibt und einen kompletten Black-Out verhindert.

Korrelationsanalysen

Korrelationen Items der Online-Befragung mit der Note

Item 1, Item 3 und Item 6 zeigen keinen Zusammenhang mit der Noten. Ein schwacher Zusammenhang kann für folgende Items wie in Tab. 4 beobachtet werden.

Item x korreliert mit Note Korrelationskoeffizient Pearsons r
Item 2 -0,27
Item 4  0,22
Item 5 -0,28

Tab. 4: Korrelation Befragungsitems mit Noten. Es sind nur Studierende des Moduls BBW205 berücksichtigt. n=24

Hierbei ist zu beachten, dass die Noten als Zahlwert in die Betrachtung eingingen, also gute Note entspricht niedrigem Zahlwert und weniger gute Note entspricht höherem Zahlwert.

Negative Korrelation des Items 2 (Die Klausur fand ich schwer.)  mit der Note heißt: Wer die Klausur schwer fand, hat eine weniger gute Note erreicht, wer die die Klausur weniger schwer fand, hat eine gute Note erreicht. Dieser Zusammenhang wurde erwartet.

Positive Korrelation des Items 4 (Das Erstellen des Spickzettels hat viel Zeit gekostet.) und der Note heißt: Wer subjektiv viel Zeit in den Spickzettel gesteckt hat, hat eine gute Note erreicht, wer subjektiv weniger Zeit in den Spickzettel gesteckt hat, eine weniger gute. Erwartet wurde auch, dass viel mit dem Spickzettel verbrachte Zeit auch zu einer guten Note führt.

Negative Korrelation des Items 5 (Den Spickzettel habe ich in der Klausur häufig gebraucht.) und der Note heißt: Wer den Spickzettel häufig gebraucht hat, hat eine weniger gute Note erreicht, wer den Spickzettel seltener benötigte, eine gute Note.

Der negative Zusammenhang zwischen Item 5 und der Note ist ein Hinweis, dass das didaktische Ziel, das mit dem Spickzettel verfolgt wurde, erreicht wurde.

Spickzettel – Beispiele

Es ist schwer möglich, die umfangreiche und inhaltlich diverse Stoffmenge, die in der Vorlesung behandelt wurde, vollständig auf einen zweiseitigen DIN A 5 Zettel zu verdichten. So waren die Studierenden gezwungen, schrittweise die Aspekte herauszufinden, die sie noch nicht zu wissen glaubten. Das führte zu sehenswerten Exponaten, von denen zwei im Folgenden exemplarisch abgebildet sind:

Spickze

Abb. 2: Spickzettel DIN A 5 – Beispiel einer Vorderseite

Spickzettel Rückseite

Abb. 3: Spickzettel DIN A 5 – Beispiel einer Rückseite

Insgesamt sind in den vergangenen Jahren über 3.500 Spickzettel angefertigt worden.

Fazit

Der Einsatz des Lerninstruments „Spickzettel“ ist für den Lernenden hinsichtlich des Lernerfolges vorteilhaft. Durch den gezielten und angeleiteten Einsatz wird es auch ein Instrument für den Lehrenden und erweitert das mögliche didaktische Repertoire für die Lehre. Durch weitergehende Tipps zu spezifischen Inhalten („Versuchen Sie einmal, diesen komplexen Sachverhalt ganz knapp mit auf Ihren Spickzettel zu bringen, dazu könnte es eine Klausuraufgabe geben“) kann somit insbesondere bei schwierigen Themen eine intensivere Beschäftigung der Studierenden mit dem Stoff initiiert werden.

Planung in 2013: Im laufenden Semester soll das Lehr- Lerninstrument „Spickzettel“ in zwei Modulen weiter qualitativ erprobt werden. Wenn sich auch hier wiederholt ein ähnlich positiver Eindruck ergibt, soll zukünftig eine Steigerung des Lernerfolges durch den gezielten Einsatz des Spickzettels empirisch/quantitativ untersucht werden. Entsprechende Szenarien könnten Fachbereichs- und themenübergreifend aufgestellt werden.

Rückblick 2019: Im Nachgang hatte ich das Instrument Spickzettel in allen Modulen, in denen die Studierenden eine Klausur schreiben, eingesetzt. Der Einsatz brachte durchgängig gute Bewertungen in der Lehrevaluation, durch die geringeren Durchfallquoten konnte so die wachsende Studierenden- und damit Prüfungszahl kompensiert werden. Der dauerhafte Erfolg des Spickzettels wurde nicht empirisch geprüft.

Rückblick 2021: Mit Beginn der Corona-Krise hatte ich alle Module von Klausur auf Hausarbeiten umgestellt, um den zusätzlichen Prüfungsstress zu minimieren. Damit sahen die Studierenden die didaktischen Vorteile des Spickzettels nicht mehr. Subjektiv lässt sich in Einzelfällen beobachten, dass die Studierenden nach Abgabe der Prüfungsleistung weniger aus dem Modul auswendig wissen. Auch eine empirische Überprüfung dieser Beobachtung steht aus.

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Auch in Schulen ist der Wert des Spickzettels erkannt: http://therese-giehse-realschule.de/personen/15-schulprofil/314-der-erlaubte-spickzettel

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