Das Gladbacher Crowd Solving Konzept

Crowd Solving oder Crowdsolving ( von englisch crowd für ‚(Menschen-)Menge‘, und solving für ‚Problemlösen‘ ) ist eine Problemlösungsmethode, die die Zusammenarbeit vieler Menschen, Gemeinschaften, Gruppen oder Ressourcen beinhaltet. Crowd Solving kann als Untermenge von Crowd Sourcing mit Fokus auf komplexe und intellektuell anspruchsvolle Problemstellungen, die einen beträchtlichen Aufwand erfordern, gesehen werden (Geiger, Rosemann & Field 2011). Für Fragestellungen in der Wirtschaftsinformatik wurde Crowd Solving am Forschungsinstitut GEMIT der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach zu einem generischen Ansatz zur Verkehrsoptimierung für logistikintensive Gebiete, dem Gladbacher Crowd Solving Konzept, weiterentwickelt.

Funktionsweise des Gladbacher Crowd Solving Konzeptes

Crowd Solving ist im Grundsatz ein einfacher Ansatz und wird in englischsprachigen Raum seit 2015 für viele Anwendungsfelder verwendet. Das Grundprinzip ist, dass eine Problemlösung dadurch gefunden wird, dass sich eine große Menge an Menschen daran beteiligt. Damit gibt es inhaltliche Überschneidungen z.B. zu Open Innovation. Crowd Solving im Gladbacher Crowd Solving Konzept beruht darauf, dass viele Akteure in einem logistikintensiven Gebiet ihre Vorhaben und kurzfristigen Planungen transparent machen und alle Akteure Zugang zu diesen Informationen erhalten. Weiterhin werden die Informationen mit weiteren relevanten Daten, die allgemein verfügbar aber nicht an einer Stelle gebündelt sind, angereichert. In einem spieltheorie|spieltheoretischen Ansatz kann nun jeder Akteur entscheiden, ob er sein Verhalten aufgrund der erhaltenen Informationen modifiziert und diese Verhaltensänderung wiederum bekannt macht. Dadurch, dass alle Akteure nun ihr Verhalten an den verfügbaren Informationen ausrichten, wird eine deutliche Reduktion von Verkehrsspitzen erwartet.

Grundsätzlich kann das Konzept über ein Plattformmodell implementiert werden. Dabei werden zunächst kontinuierlich Daten gesammelt und geeignet zusammengeführt. Datenquellen können Menschen sein, aber auch Sensoren und Maschinen (vgl. Abb. 1). Ebenso können weitere, auch unstrukturierte Daten einfließen. Für die Anreicherung mit unstrukturierten Daten (Wetterdaten, Facebook- und Twittermeldungen …) können Big-Data-Ansätze zum Einsatz kommen. Nach einer Aufbereitung entsprechend einem Data-Warehouse-Ansatz werden die Daten über eine Datendrehscheibe wieder an die Akteure verteilt. Damit ähnelt Crowd Solving im Gladbacher Crowd Solving Konzept einem Management-Informationssystem, Zielgruppe besteht hier allerdings aus allen am System beteiligten Menschen.

Abb. 1: Gladbachewr Crowd-Solving-Konzept

Technische Umsetzung des Gladbacher Crowd Solving Konzepts

Eine erste Umsetzung erfährt das Gladbacher Crowd Solving Konzept im EFRE geförderten Forschungsprojekt „logistiCS.NRW“ (Sonntag 2018; 3. Forschungsbericht der Hochschule Niederrhein 2018). Das Projekt hat zum primären Ziel, durch intelligenten Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnik (IKT) zeitnah die Situation für den Verkehr in den Neuss-Düsseldorfer Häfen zu verbessern und dadurch als sekundäres Ziel eine Entspannung des Verkehrs im Umfeld des Hafens zu erreichen. Das Vorhaben zielt mit Blick auf wachsenden Güterumschlag auf eine Verkehrsverbesserung für die mittelbare Zukunft. Damit adressiert das Vorhaben zusätzlich zu Innovationen durch IKT für die Logistik auch soziale und ökologische Nachhaltigkeitsaspekte. Im Gegensatz zu technikgetriebenen und infrastrukturlastigen Lösungsansätzen in anderen Häfen setzt dieses Vorhaben auf schlanke, einfach umzusetzende und eher konzeptionelle Lösungen. Kern ist das sogenannte „Crowd Solving“, ein Konzept zur Zusammenführung, Aufbereitung und nachfolgenden Distribution logistikrelevanter Informationen an die Akteure im Hafen, sodass jeder einzelne Akteur seine Aktivitäten an der verbesserten Informationslage ausrichten kann und sich so die Verkehrssituation insgesamt entspannt. Die Informationszusammenführung und Informationsbewertung nutzen aktuelle, aber bewährte IKT-Ansätze aus verschiedenen Fachdisziplinen (Industrie 4.0, Process Mining, Data Warehouse und Extract-Transform-Load (ETL)-Prozesse, Big Data). Dabei sollen bereits erfolgreich eingesetzte organisatorische und informationstechnische Lösungen der Anrainer in ein schlüssiges Gesamtkonzept integriert werden.

Obgleich der konzeptionelle Ansatz des Konzeptes sehr einfach ist, ist erst jetzt mit der Verfügbarkeit von leistungsstarken mobilen Internet-Zugängen eine Implementierung zu geringen Kosten möglich. Kern der technischen Umsetzung sind Webservices, die Informationen sammeln und entgegennehmen und über ein Dashboard allen beteiligten Akteuren zur Verfügung stellen. Neben der Verfügbarkeit der Informationen über ein Dashboard wird beispielsweise auch SMS für Benachrichtigungen eingesetzt.

Empirische Befunde

In 2017 wurde in einer empirischen Untersuchung die Bereitschaft der Akteure untersucht, Informationen bereitzustellen bzw. Informationen zu nutzen. Erwartungsgemäß ist die Bereitschaft, Informationen zu nutzen, größer als die Bereitschaft, selber Informationen zu liefern (Kuron & Brell, 2018)

Förderung der aktiven Teilnahme durch Gamification

Um insbesondere die aktive Teilnahme und die Motivation (McClelland 1988)der Akteure am Gladbacher Crowd Solving Konzept zu erhöhen, werden Gamification-Ansätze  (Herger 2014; Brell, 2018) in des Konzept integriert.

Spiel-Design-Elemente (Schell 2016) sind direktes Feedback, Schaffung von Gemeinschaften, mittelbare realweltliche Vorteile.

Crowd Solving im Kontext der Digitalen Agenda

Im Fachgespräch zum Thema Digitalisierung und Entwicklungszusammenarbeit des Ausschusses Digitale Agenda]] des Deutscher Bundestag|Deutschen Bundestags am 9. November 2016 (Schwaab 2016) wurde Crowd Solving als Methode der Problemlösung und Budgetplanung für die Handlungsfelder der gezielten Stärkung von Menschenrechten und Teilhabe z.B. durch

  • Digitale Anwendungen für Transparenz gegen Korruption und Gewalt (Apps gegen Korruption, Apps gegen Gewalt an Frauen, Plattformen für Vertrieb und e-Commerce, die eine unmittelbare Interaktion zwischen Verkäufer (z.B. Bauer) und Käufer (z.B. Händler) in Entwicklungsländern ermöglichen) oder
  • Digitale Anwendungen für Bürgerbeteiligung und -dialog

gesehen.

Einzelnachweise

  1. Geiger D, Rosemann M, Fielt E (2011): Crowdsourcing information systems: a systems theory perspective. In: Proceedings of the 22nd Australasian Conference on Information Systems (ACIS 2011).
  2. Herger, Mario (2014): Enterprise Gamification – Engaging People by letting them have fun.
  3. Brell, Claus (2018): Wie Gamification den Methodenapparat der Wirtschaftsinformatik bereichert. In: Informatik Aktuell. Alkmene Verlagsgesellschaft. Frechen. https://www.informatik-aktuell.de/management-und-recht/projektmanagement/wie-gamification-den-methodenapparat-der-wirtschaftsinformatik-bereichert.html
  4. Kuron, Ralf; Brell, Claus (2018): Informationen verfügbar machen. In: Hafenzeitung 02/2018. Düsseldorf. S. 3. http://hafenzeitung.de/downloads/archiv/pdf/hafen-zeitung_2018_02.pdf .
  5. McClelland, David Clarence. (1988): Human motivation. Cambridge University Press
  6. Schell, Jesse (2016): Die Kunst des Game-Designs – Bessere Games konzipieren und entwickeln. 2. Auflage. Frechen, mitp
  7. Sonntag, Christian (2018): “Auf den Fahrer kommt es an.“ In: NIU – Das Magazin der Hochschule Niederrhein. Krefeld. S. 36-37. https://www.hs-niederrhein.de/niu/
  8. o.A.: “Knoten lösen – Verkehrskollaps vermeiden.“ In: Vizepräsident für Forschung und Transfer (2018): Forschungsbericht #3. Krefeld. S. 68-69. https://www.hs-niederrhein.de/fileadmin/dateien/presse/Forschungsbericht__3_web.pdf
  9. Schwaab, Jan (2018): Fragenkatalog für das Fachgespräch zum Thema „Digitalisierung und Entwicklungszusammenarbeit“ des Ausschusses Digitale Agenda am 9. November 2016. Ausschussdrucksache A-Drs. 18(24)113, Deuscher Bundestag. S. 5 https://www.bundestag.de/blob/479222/54193d4d5062ccbcd675288a7e712f73/stellungnahme-schwaab-data.pdf

 

Weblinks

  1. http://logistics.traffgoroad.com (logistiCS Projektseite, Hochschule Niederrhein, Traffgo Road GmbH)
  2. https://www.hs-niederrhein.de/news/news-detailseite/forschungsprojekt-will-verkehrsprobleme-mit-moderner-it-bekaempfen-17325/ (Forschungsprojekt will Verkehrsprobleme mit moderner IT bekämpfen, Pressemeldung der Hochschule Niederrhein vom 10.05.2017)
  3. https://www.beckershospitalreview.com/human-capital-and-risk/crowd-solving-the-employee-retention-crisis-keeping-nurses-on-the-job-and-keeping-them-happy.html (Johnson, Christina (2017) Crowd-solving the employee retention crisis: Keeping nurses on the job and keeping them happy.)
  4. https://solve.mit.edu/articles/crowdsolving-for-the-workforce-of-the-future (CrowdSolving for the Workforce of the Future, MIT, 2017)